Die Ansätze mehr oder minder intensiv geführter Debatten um Sinn oder Unsinn einer 30-Stunden-Woche oder gar eines bedingungslosen Grundeinkommens stellen Grundsätze des Arbeitsfetisch (Robert Kurz) und damit von Materialismus und Wachstumslogik im postindustriellen Kapitalismus in Frage. Die politischen Weichenstellungen zur Einführung eines Mindestlohns tun dies nur sehr bedingt.
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| Demonstration für ein Bedingungsloses Grundeinkommen am 14. September 2013 in Berlin |
Der Geist von Max Webers „protestantischer Arbeitsethik“ schwebt dieser Tage wieder als Folie aller gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Debatten mit, die um Arbeit oder „Faulheit“, um Wirtschafts-Wachstum oder „Décroissance“, um Materialismus oder Postmaterialismusgeführt werden. Tief in der „deutschen Seele“ (Buchtitel von Thea Dorn/Richard Wagner (2012)) ist der Drang nach stetiger Beschäftigung, nach rastlosem Arbeiten, nach „vorwärts“ strebender, produktiver Betriebsamkeit, seit Jahrhunderten verwurzelt; genauer gesagt seit der Reformation. Luthers Konzept des „Berufs“ änderte das Verständnis von Arbeit: Schnöde, rein der Existenzsicherung und der Selbstversorgung dienende Arbeit wurde zu einer höheren Tätigkeit stilisiert, zu der jeder Mensch „berufen“ sei. In den calvinistischen Territorien Europas und Nordamerikas (v.a. der späteren Vereinigten Staaten von Amerika) wurde das Streben nach Wohlstand durch rastlose Arbeit im Diesseits, in„innerweltlicher Askese“, zu einer auf der sogenannten Prädestinationslehre Calvins fußenden religiösen Suche nach Bestätigung göttlicher Gnade im Jenseits; Wohlstand wurde als Zeichen einer solchen Auserwähltheit angesehen. Diesen Zusammenhang legte in der Phase der Hochindustrialisierung des Deutschen Reiches und anderer europäischer Staaten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Max Weber in seiner Schrift „Die protestantische Arbeitsethik und der Geist des Kapitalismus“ dar. Er sah in dieser Arbeitsethik die Basis für die kolossale wirtschaftliche Dynamik, die (West)-Europa (zuerst England) und Nordamerika in den Jahrhunderten nach der Reformation erfasste und die in der Industrialisierung mündete. Benjamin Franklin, quasi die Fleischwerdung der Weber-These, wurde im 18. Jahrhundert zum Helden der „konservativen“, rechtschaffenen frühen „Amerikaner“ aufgrund seiner unermüdlichen quasireligiösen Predigten zu Arbeitsamkeit, Fleiß und Disziplin.
Aber auch in der „linken“ politischen Theorie, etwa bei Karl Marx, wurde Arbeit bzw. Arbeitskraft zu einem hohen Gut, das der Proletarier für Lohn und Brot, ergo zur Sicherung seiner Existenz, zu Markte tragen muss(te). Die „Arbeiterklasse“, die in der frühindustriellen Gesellschaft stand, beinhaltete bereits in ihrer Bezeichnung die Arbeitskraft als ihre Essenz; die Arbeiter- oder „soziale Frage“ war das wohl dringendste Problem jener Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. An ihr und durch sie entzündeten sich die bis in die heutige Zeit überlebenden „Arbeitskämpfe“, mehr oder weniger hart geführte Aushandlungsprozesse zwischen Arbeitgebern (Besitzern der Produktionsmittel) und Arbeitnehmern (Proletariern) um Arbeitslöhne, Arbeitnehmerrechte, Arbeitsverträge und Arbeitszeiten. Der Luther'sche „Beruf“sbegriff bzw die Essenz der protestantischen Arbeitsethik, d.h. des Arbeitens als „Berufung“ oder wegen des Seelenheils, wurde durch die Industrialisierung und Proletarisierung breiter Schichten der Gesellschaft verdrängt zu Lasten einer wieder rein existenzsichernden Funktion von Arbeit. Was jedoch im 20. und 21. Jahrhundert bleibt von der Arbeits- und Akkumulationsethik ist der Wachstumsgedanke, Grundpfeiler des Kapitalismus, der ein doppeltes, binäres Ethos von Produktion und Konsumtion in jedem Wirtschaftssubjekt voraussetzt: Der Arbeiter soll am Tag asketisch, diszipliniert und gewissenhaft seiner Tätigkeit produzierend (oder dienstleistend) nachgehen, abends oder in seiner Freizeit aber möglichst enthemmt, hedonistisch und materialistisch konsumieren. Das Produzierende Selbst basiert dabei auf dem Konsumierenden Selbst (David Bosworth/Roland Benedikter), denn ohne den Konsum, die Nachfrage des „Hedonisten“ gäbe es keinen Bedarf für die Produktion bzw das Angebot der Güter oder Dienstleistungen des „Asketen“. Diesen Nexus bezeichnete Weber als ein „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“: jeder, der sich im Wirtschaftskreislauf befindet, sei in ihm gefangen. Ins Englische ist dieser Begriff sogar, noch etwas drastischer, als “iron cage“ (eiserner Käfig), übertragen worden.
Die Zeiten der Hochindustrialisierung sind (jedenfalls für die hier behandelten Regionen, Europa und Nordamerika) heute, im 21. Jahrhundert, vorbei, wir leben in der „nachindustriellen Gesellschaft“ (Daniel Bell); all unsre menschlichen (materiallen und physischen) Grundbedürfnisse sind in dieser Gesellschaft – vom wirtschaftlichen Standpunkt betrachtet - erfüllt oder zumindest relativ leicht erfüllbar. Der Wirtschaftsschwerpunkt hat sich bei uns von der Industrie bzw. Produktion auf Gewerbe bzw. Dienstleistungen verlagert; den klassischen Fabrikarbeiter aus der Zeit von Marx und Weber wird man heute kaum noch finden. Durch Maschinisierung und andere Rationalisierungs- und Effizienzsteigerungsprozesse sind viele anstrengende, zeitaufwändige und gesundheitsschädliche Arbeiten heute glücklicherweise nicht mehr der Teil der (westlichen, postindustriellen) Arbeitswelt (von anderen Weltteilen (leider) zu schweigen). Der Arbeitsaufwand, der heute nötig ist, um den gegenwärtigen Lebensstandard dieser unsrer postindustriellen Gesellschaft aufrechtzuerhalten, ist im Vergleich zu vor Jahrzehnten auf einen Bruchteil an Zeit zu beziffern. Doch die Wachstumslogik und der Arbeitsfetisch haben sich in den Köpfen nicht rationalisiert bzw nicht der Zeit angepasst: Hier sind die kulturellen Prägungen aus der Zeit von Franklin und der Industrialisierung immer noch dominant; es scheint den Wirtschaftskapitänen und auch vielen anderen nicht begreiflich (oder für manche auch aus ideologischen Gründen nicht wünschenswert), dass heute durch Reduzierung der Arbeitszeiten keine Gefahr für den gesamtgesellschaftlichen Lebensstandard droht. Der Teufel des „Minuswachstums“, also der „Decroissance“, wird immer noch an die Wand gemalt, der drohe, wenn Arbeitszeiten verkürzt (oder Löhne auf über Prekariatsniveau angehoben) würden. Selbst wenn dem so ist, wäre dies langfristig gesehen mit Blick auf Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung durch unser momentanes Wirtschaften und Konsumieren ökologisch und auch mit Blick auf den sozialen Frieden uns eher nützlich als schädlich. Stattdessen werden die Vorteile von weniger Arbeit, d.h. mehr Freizeit, für die Psyche der Menschen und für das Niveau an Zufriedenheit, als „Faulheit“ oder „Selbstverwirklichungswahn“ abgetan. Nur Arbeit im „stahlharten Gehäuse“, d.h. offensichtlich produktive Arbeit für die Wirtschaft, ist in dieser Ideologie „gute Arbeit“; Arbeit, die vorrangig gesamtgesellschaftlich orientiert ist (z.B. Aktivismus, Wohltätigkeitsorganisationen), zur eigenen Selbstverwirklichung oder der anderer, z.B. durch ((akademische oder andere) (Menschen-)Bildung, Ausbildung oder Information, dient oder (bzw. und eventuell dadurch) das eigene Wohlbefinden befördert, nicht. Der Übergang von einer materialistischen zu einer postmaterialistischen Denkweise bzw Gesellschaft könnte ordnungspolitisch durch Einführung eines bedingunglosen Grundeinkommens oder zumindest einer Arbeitszeitverkürzung vorangetrieben und gestaltet werden.
